Amanda und Eduard - Sophie Friederike Brentano - Страница 1 из 220


den geliebten, vaterländischen Boden wieder betreten, und bin Dir
nun wieder um vieles näher, meine Julie! Wer durch mehr als
hundert Meilen getrennt war, dem scheint eine Entfernung von zwanzig
nur ein unbedeutender Zwischenraum zu seyn, obgleich nicht selten sich
hier größere Schwierigkeiten in den Weg stellen, als selbst
bei jenen. – Du und Deine Liebe sind mir noch um vieles werther
geworden, denn meine nähere Bekanntschaft mit den Menschen hat
mich den Werth und die Seltenheit einer Neigung, die sich nicht auf
äussere Verhältnisse sondern auf unsere Persönlichkeit
gründet, sehr innig fühlen lassen. – Ich freue mich
darauf, Dir, da ich hier sehr ruhig leben zu können hoffe, von
Zeit zu Zeit manches aus der Geschichte dieser letzten, im
Geräusch verlebten, Jahre nachholen zu können. Meine
bisherigen flüchtigen Briefe müssen Dir nur einen sehr
unvollkommenen Abriß meiner Lage gegeben haben. Alles war mir
neu, Gegend, Menschen, Verhältnisse, und ich gestehe Dir,
daß ich mich oft mit geheimem Vergnügen, oft auch mit
Bangigkeit, daran erinnerte: »ich stehe nun wirklich auf dem
Schauplatze der Welt, die ich mir sonst in mancher stillen
Jugendphantasie verworren geträumt hatte.« Doch zuweilen
schien das Gewühl von Menschen und der glänzende Schein, der
mich umgab, meine Eigenthümlichkeit ganz verschlungen zu haben,
und es kostete mir beinah Mühe, mich zu überzeugen,
daß ich jenes stille, einfach erzogene Mädchen sei, welches


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