Lustige Gymnasialgeschichten - Theodor Berthold - Страница 1 из 414


Pipin der Kleine Da wird wohl viel gesagt und gesungen von der
schönen Jugendzeit. Wir wollen es gelten lassen, daß sie
bald einem Frühling mit Blumen, Schmetterlingen und wolkenlosem
Himmel, bald einem Morgen mit Sonnenglanz und Nachtigallensang
verglichen wird. Aber ein altes Volkslied sagt auch: »Es fiel
ein Reif in der Frühlingsnacht, er fiel auf die zarten
Blaublümelein.« Diese Worte erinnern mich immer an die
mancherlei kleinen Leiden und Schmerzen, denen auch die Jugendzeit
ausgesetzt ist – die sich wie ein Reif auf ihre schönsten
Blüten legen. Namentlich der Knabe weiß von diesen Leiden
und Schmerzen zu erzählen, wenn er das Reifenspiel und den
Papierdrachen mit der lateinischen und griechischen Grammatik, den
Baukasten mit der Algebra und Geometrie, die Bleisoldaten mit den
punischen und persischen Kriegen vertauscht hat, kurz, wenn er auf den
Bänken des Gymnasiums sitzt und in die klassische Bildung
eingeführt wird. Der Weg zu dieser klassischen Bildung ist
für manchen mit Dornen bestreut, mit spitzen, stechenden Dornen.
Da sitzt z. B. in der zweiten Bank der Untertertia – es
ist eine alte, furchtbar zerschnittene und tintenbekleckste Bank, an
der schon Generationen von Schülern »geschwitzt«
haben – der kleine dicke Gottfried Hellermann; in Latein und
Griechisch ist er ganz fix, auch einen guten deutschen Aufsatz
schreibt er; aber Mathematik, Mathematik, die ist seine schwache


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