Mama kommt! - Viktor Blüthgen - Страница 1 из 48


»Morgen Schatz!« sagt er und legt ein Paket
Schülerschreibhefte auf den Tisch. »Vor allen
Dingen...« Sie sitzt am Nähtische beim Fenster und stickt
an einer Decke, altdeutsch auf Kaffeesack, im bequemen, zierlichen,
bordeauxfarbenen Morgenschlafrock, und sie richtet lächelnd den
Kopf hoch, auf dem noch das Morgenhäubchen mit roten Bändern
sitzt, läßt die Stickerei in den Schoß fallen und
wartet, bis er ihr Köpfchen zwischen beide Hände nimmt und
sie herzhaft auf den Mund küßt. »Weißt du
was Neues, Ernst?« »Nein; aber du vielleicht?«
»Ja. Rate einmal.« »Ich bin doch kein
Geheimrat.« »Au! – Ich will dir auf die
Sprünge helfen: Ein Telegramm.« »Potztausend
– etwas Schlimmes kann's nicht sein, dazu siehst du mir zu
vergnügt aus. In Nordhausen was Kleines angekommen etwa?«
»Nein – Besuch!« »Besuch? Zu uns?«
»Ja, zu uns. Ich habe die Fremdenstube schon in
Ordnung. Da hast du's!« Sie reicht ihm das Telegramm, und er
liest: Oberlehrer Walter, Eberswalde.
Zwölf Uhr Bahnhof abholen.
Gruß.
Eure Mutter. »Ist das nicht reizend? Ich habe mich schon
gefreut wie ein Schneesieder. Gerade daß Mutter die Erste ist,
die zu uns zu Gast kommt!« »Das ist ja eine
Überraschung,« sagt er, legt das Papier hin und reibt sich
die Hände. »Ich dachte mir schon, daß sie sich
einmal aufmachen würde, so ungern sie auch reist. In den letzten


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