Baudelaire Übertragungen - Walter Benjamin - Страница 1 из 83


Die Aufgabe des Übersetzers Nirgends erweist sich einem
Kunstwerk oder einer Kunstform gegenüber die Rücksicht auf
den Aufnehmenden für deren Erkenntnis fruchtbar. Nicht genug,
daß jede Beziehung auf ein bestimmtes Publikum oder dessen
Repräsentanten vom Wege abführt, ist sogar der Begriff eines
›idealen‹ Aufnehmenden in allen kunsttheoretischen
Erörterungen vom Übel, weil diese lediglich gehalten sind,
Dasein und Wesen des Menschen überhaupt vorauszusetzen. So setzt
auch die Kunst selbst dessen leibliches und geistiges Wesen voraus
– seine Aufmerksamkeit aber in keinem ihrer Werke. Denn kein
Gedicht gilt dem Leser, kein Bild dem Beschauer, keine Symphonie der
Hörerschaft. Gilt eine Übersetzung den Lesern, die das
Original nicht verstehen? Das scheint hinreichend den Rangunterschied
im Bereiche der Kunst zwischen beiden zu erklären. Überdies
scheint es der einzig mögliche Grund, ›Dasselbe‹
wiederholt zu sagen. Was ›sagt‹ denn eine Dichtung? Was
teilt sie mit? Sehr wenig dem, der sie versteht. Ihr Wesentliches ist
nicht Mitteilung, nicht Aussage. Dennoch könnte diejenige
Übersetzung, welche vermitteln will, nichts vermitteln als die
Mitteilung – also Unwesentliches. Das ist denn auch ein
Erkennungszeichen der schlechten Übersetzungen. Was aber
außer der Mitteilung in einer Dichtung steht – und auch
der schlechte Übersetzer gibt zu, daß es das Wesentliche
ist – gilt es nicht allgemein als das Unfaßbare,


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