Berliner Kindheit um Neunzehnhundert - Walter Benjamin - Страница 1 из 104


    Meinem lieben Stefan
    O braungebackne
Siegessäule
mit Winterzucker aus den Kindertagen.
Sich in einer Stadt nicht zurechtfinden heißt nicht viel. In
einer Stadt sich aber zu verirren, wie man in einem Walde sich
verirrt, braucht Schulung. Da müssen Straßennamen zu dem
Irrenden so sprechen wie das Knacken trockner Reiser und kleine
Straßen im Stadtinnern ihm die Tageszeiten so deutlich wie eine
Bergmulde widerspiegeln. Diese Kunst habe ich spät erlernt; sie
hat den Traum erfüllt, von dem die ersten Spuren Labyrinthe auf
den Löschblättern meiner Hefte waren. Nein, nicht die
ersten, denn vor ihnen war das eine, welches sie überdauert hat.
Der Weg in dieses Labyrinth, dem seine Ariadne nicht gefehlt hat,
führte über die Bendlerbrücke, deren linde Wölbung
die erste Hügelflanke für mich wurde. Unweit von ihrem
Fuße lag das Ziel: der Friedrich Wilhelm und die Königin
Luise. Auf ihren runden Sockeln ragten sie aus den Beeten wie gebannt
von magischen Kurven, die ein Wasserlauf vor ihnen in den Sand
schrieb. Lieber als an die Herrscher wandte ich mich aber an ihre
Sockel, weil, was darauf vorging, wenn auch undeutlich im
Zusammenhange näher im Raum war. Daß es mit diesem Irrgang
etwas auf sich hat, erkannte ich seit jeher an dem breiten, banalen
Vorplatz, der durch nichts verriet, daß hier, nur wenige


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