Goethes Wahlverwandtschaften - Walter Benjamin - Страница 1 из 121


  Jula Cohn gewidmet  
I «Wer blind wählet, dem schlägt
Opferdampf in die Augen.» Klopstock
  Die vorliegende Literatur über
Dichtungen legt es nahe, Ausführlichkeit in dergleichen
Untersuchungen mehr auf Rechnung eines philologischen als eines
kritischen Interesses zu setzen. Leicht könnte daher die
folgende, auch im einzelnen eingehende Darlegung der
Wahlverwandtschaften über die Absicht irre führen, in der
sie gegeben wird. Sie könnte als Kommentar erscheinen; gemeint
jedoch ist sie als Kritik. Die Kritik sucht den Wahrheitsgehalt eines
Kunstwerks, der Kommentar seinen Sachgehalt. Das Verhältnis der
beiden bestimmt jenes Grundgesetz des Schrifttums, demzufolge der
Wahrheitsgehalt eines Werkes, je bedeutender es ist, desto
unscheinbarer und inniger an seinen Sachgehalt gebunden ist. Wenn sich
demnach als die dauernden gerade jene Werke erweisen, deren Wahrheit
am tiefsten ihrem Sachgehalt eingesenkt ist, so stehen im Verlaufe
dieser Dauer die Realien dem Betrachtenden im Werk desto deutlicher
vor Augen, je mehr sie in der Welt absterben. Damit aber tritt der
Erscheinung nach Sachgehalt und Wahrheitsgehalt, in der Frühzeit
des Werkes geeint, auseinander mit seiner Dauer, weil der letzte immer
gleich verborgen sich hält, wenn der erste hervordringt. Mehr und
mehr wird für jeden späteren Kritiker die Deutung des


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