Städtebilder - Walter Benjamin - Страница 1 из 70


wurden vom Herausgeber hinzugefügt. Er ist Herrn Rolf Tiedemann
für freundliche Auskünfte bibliographischer Natur zu
großem Dank verpflichtet. Berlin und Moskau Schneller
als Moskau selber lernt man Berlin von Moskau aus sehen. Für
einen, der aus Rußland heimkehrt, ist die Stadt wie frisch
gewaschen. Es liegt kein Schmutz, aber es liegt auch kein Schnee. Die
Straßen kommen ihm in Wirklichkeit so trostlos sauber und
gekehrt vor, wie auf Zeichnungen von Grosz. Und auch die
Lebenswahrheit seiner Typen ist ihm evidenter. Es ist mit dem Bilde
der Stadt und der Menschen nicht anders als mit dem der geistigen
Zustände: die neue Optik, die man auf sie gewinnt, ist der
unzweifelhafteste Ertrag eines russischen Aufenthaltes. Mag man auch
Rußland noch so wenig kennen – was man lernt, ist, Europa
mit dem bewußten Wissen von dem, was sich in Rußland
abspielt, zu beobachten und zu beurteilen. Das fällt dem
einsichtsvollen Europäer als erstes in Rußland zu. Darum
ist andrerseits der Aufenthalt für Fremde ein so sehr genauer
Prüfstein. Jeden nötigt er, seinen Standpunkt zu
wählen. Im Grunde freilich ist die einzige Gewähr der
rechten Einsicht, Stellung gewählt zu haben, ehe man kommt. Sehen
kann gerade in Rußland nur der Entschiedene. An einem Wendepunkt
historischen Geschehens, wie ihn das Faktum
»Sowjet-Rußland« wenn nicht setzt, so anzeigt,
steht gar nicht zur Debatte, welche Wirklichkeit die bessere, noch


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