Gedanken über große Kunst - Carl Gustav Carus - Страница 1 из 95


›Wintermärchens‹ Wenn tausendfältige
Strahlen, von dem Göttlichen ausgehend, auf tausendfältige
Weise von den Erscheinungen zurückgespiegelt werden – wo
ist es, daß der Strahl am unmittelbarsten, am meisten als
volles, ganzes Sonnenbild zurückgespiegelt wird? Wo anders als
von der Erscheinung des echten, des wahrhaftigen Poeten? Nur von ihm
aus strahlt wie vom Göttlichen selbst eine wahrhaftige, eine
unendlich mannigfaltige, eine lebendige Welt. Ist im vollendeten
Heiligen die innerste Idee des Göttlichen lebendig geworden, so
ist dies doch nicht wie im echten Poeten die ganze Offenbarung –
es ist eine Auswahl – ein Sublimat – ein Exzerpt. Aber im
Poeten tritt die Welt selbst mit ihren Lücken und
Vollkommenheiten, ihren Schönheiten und Widerlichkeiten, ihrem
Guten und Bösen, wie ihre Erscheinung von Ewigkeit her im Geiste
des Göttlichen selbst aufgestiegen war, hervor, – belebt
– begeistert uns – und ist das höchste Dokument der
eignen göttlichen Natur menschlichen Geistes. Diese
Gedanken kamen mir heute, als die Zauberwelt dieses heitersten,
frischesten Pfeiles aus Shakespeares Köcher mich belebend, ja
entzückend durchdrungen hatte. O dieser Shakespeare ist
selbst wie die Hermione unverloren; und von Tausenden tot geglaubt und
doch lebend und beseligend, steigt er immer wieder gleich der Hermione
von seinem Piedestal herab, zu allen denen, die seinem geheimnisvollen


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