Goethe zu dessen näherem Verständnis - Carl Gustav Carus - Страница 1 из 196


»Für wen Sie über Goethe schreiben sollen«
schrieb mir gestern mein Freund Regis, der gelehrte und geehrte
Übersetzer des Rabelais und des Bojardo, »das hat er schon
selbst im Divan Ihnen gesagt: ›Ins Wasser wirf deine Kuchen,
wer weiß wer sie genießt.‹ Sie nehmen Ihren
Stimmstein vom Altar, wie die Athener in Aeschylus' Eumeniden, und
werfen ihn in die Urne der Zeit, für den Behuf eines
künftigen Areopags. Ich wüßte wirklich niemand, der
Goethen, in rein physiologischem Gesichtspunkte zu besprechen,
jetzt selbst so viel öffentliche Autorität hätte wie
Sie; denn die momentanen Kläffer verstummen sehr bald, und Ihre
Sache bleibt immer. – Sie müssen sich einmal über
Goethe gehen lassen und Ihr Credo von ihm ablegen, von vorn an, wenn
Sie gerade Zeit haben.« Das war das Wort und der Zuruf
eines Freundes, und ihm begegnete im Innern ein langverhaltner Wunsch,
ja fast das Gefühl einer Pflicht. – Wie lange wird es
dauern, und wenige werden sein, welche mit Goethe einst eine Luft
atmeten, eine Geschichte erlebten, eine Entwicklungsperiode der Poesie
und Wissenschaft beobachteten. – Schon ich reiche nicht hinan an
die Zeit, in welcher jenes merkwürdige Leben sich zu entfalten
begann, und doch sind es mehr als zwanzig Jahre, daß ich ihn sah
und sprach; schon sind es neun Jahre, daß er uns genommen wurde,
und schon sind es fünfundzwanzig Jahre, daß ich die ersten
Briefe mit ihm wechselte. Der Sohn der späteren Zeit kommt und


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