Erzählungen und Märchen - Carl Wilhelm Salice Contessa - Страница 1 из 435


Märchen   Aus:
C. W. Contessa's Schriften Herausgegeben von E. von Houwald
Georg Joachim Göschen
Leipzig 1826   Manon 1803
  Mancher Deutsche, der um das Jahr 1800 in Paris war,
erinnert sich vielleicht, unweit des Louvre ein Frauenzimmer gesehen
und gehört zu haben, die des Abends, gewöhnlich auf der
Seite nach dem Carousselplatz, zwischen einem Haufen von rohen und
behauten Steinen saß, und das Mitleid der Vorübergehenden
durch ihr Spiel und ihren Gesang in Anspruch nahm. Ich fand sie
dort eines Abends von einem kleinen Kreise von Zuhörern umgeben.
Ich wollte vorübergehen; die sanfte klagende Stimme hielt mich
fest; ich blieb stehen. Das Lied ging eben zu Ende; niemand trat aus
dem Kreise; alles blieb still und schien erwartungsvoll aufzuhorchen.
Das Gesicht der Sängerin war mit einem schwarzen Schleier
bedeckt; eine Guitarre ruhte in ihrem Arm. Neben ihr saß eine
alte Frau, eine Untertasse auf dem Schooß haltend, worin sich
die milden Gaben der Zuhörenden sammelten. In leisen
Accorden fing die Guitarre wieder an; die schwache, aber angenehme
Stimme fiel ein. Sie sang das Schicksal des Unglücklichen, der
von Allem verlassen sein Brod von fremder Hand erbittet, mit welchem
Ausdruck! mit welcher Innigkeit! Töne wie diese, die unter dem
schwarzen Schleier hervordrangen, waren mir fremd aus einer
französischen Kehle. Ich fühlte mich im Innersten bewegt.


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