Haushahn und Paradiesvogel - Carl Wilhelm Salice Contessa - Страница 1 из 92


schläfst ein!« rief der Professor. »Ach
nein«, gähnte seine Frau, »ich mache nur die Augen
zu, hört sich so besser. Immer weiter! Es klingt recht
schön.« Der Professor las weiter: »Da hatte
der Verstand noch nicht geschieden,
was ewig eins aus einem Urquell stammt;
da war noch zwischen Kopf und Herzen Frieden,
kein Trieb der Brust vor dem Gesetz verdammt;
verstanden wurde noch die Schrift hienieden,
die goldnen Zuges durch den Äther flammt;
es nannten Mensch und Engel sich Genossen,
und Welt und Himmel war in eins verflossen.« Auf dem
Hofe draußen fingen die Hühner an zu gackern. Die
Professorin stand auf und lief schnell hinaus, und als sie
zurückkehrte, reichte sie ihm das weiße Ei in der
weißen Hand entgegen. »Noch ganz warm!« rief sie.
»Wenn dein Paradiesvogel noch solche Eier legte!« Der
Professor jedoch antwortete nicht darauf, sondern sah sie unwillig von
der Seite an und fuhr fort: »Doch als der Welt die
Sünde ward geboren,
brennt aus dem Leben wilder Streit hervor;
selbst wider sich und die Natur verschworen,
häuft Götzen sich's aus Erdenkot empor,
und im Geräusch des Marktes schnell verloren,
verhallt die ew'ge Harmonie dem Ohr;
zerbrochen ist die goldne Himmelsleiter:
kein Engel naht dem Menschen als Begleiter! Nur in der
Dichtung dunkelklaren Träumen
blüht eine Ahnung jener alten Zeit,


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