Mensch und Gott - Betrachtungen über Religion und Christentum - Houston Stewart Chamberlain - Страница 1 из 452


als Vorwort voraus. Ungefähr gleichzeitig mit der ersten Auflage
von Mensch und Gott erschien Adolf von Harnack's Marcion: Das
Evangelium vom fremden Gott, womit zum ersten Male die Gestalt und die
Lehre des großen Reformators des zweiten Jahrhunderts –
sonst in einer Wolke von Verleumdungen und Gehässigkeiten
verborgen – vor aller Augen klar enthüllt ward. Ein edler
Mann, der ein edles Lebensziel zum Heile des Christentums im Herzen
trug! Da nun Marcion's religiöse Überzeugungen auffallende
Übereinstimmungen mit den in diesem meinem Buche vertretenen
aufweisen, will ich ein paar Worte ihnen hier widmen. Der Gott
der Liebe, der Vater Jesu Christi, ist nach Marcion nicht identisch
mit Jahve, dem Gott der Juden: »Er ist nicht der Schöpfer,
nicht der Gesetzgeber, nicht der Richter, er zürnt und straft
auch nicht, sondern er ist ausschließlich die verkörperte,
erlösende und beseligende Liebe« (S. 18). Darum
– wegen seiner Weltfremdheit – wird er auch »der
fremde Gott« genannt. Der Weltschöpfer Jahve steht
unermeßlich tief unter dem Gott der Liebe; er trägt die
Verantwortung für das Elend, das die Welt erfüllt und
für die Schlechtigkeit der Menschen; die Schrift zeigt ihn ja als
rachsüchtig, listig, betrügerisch, zornig und er
erwählt die Juden, – »ein besonders schlimmes,
störrisches und untreues Volk« – (S. 113), zu
seinen auserkorenen Schützlingen und verspricht ihnen die


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