Mit den Augen des Westens - Joseph Conrad - Страница 1 из 501


daß ich in keiner Weise die starke Einbildungskraft und
Ausdrucksfähigkeit besitze, die es mir ermöglicht
hätte, dem Leser die Gestalt des Mannes anschaulich zu machen,
der sich, der russischen Sitte gemäß, Kyrill Sohn des
Isidor – Kyrill Sidorowitsch – Rasumoff nannte.
Hätte ich diese Gaben überhaupt jemals in irgendeiner Weise
besessen, so wären sie doch schon längst in einem Wust von
Worten untergegangen. Worte sind ja bekanntlich die geschworenen
Feinde der Wirklichkeit. Ich war jahrelang Sprachlehrer. Diese
Beschäftigung räumt auf die Dauer mit allem auf, was ein
Durchschnittsmensch an Einbildungskraft, Beobachtungsgabe oder
Einsicht besitzen könnte. Für einen Sprachlehrer kommt die
Zeit, wo ihm die Welt nichts ist als die Heimat vieler Worte und der
Mensch lediglich ein sprechendes Tier, nicht viel wunderbarer als ein
Papagei. Unter solchen Umständen wäre es mir
unmöglich gewesen, der Geschichte Rasumoffs einen Schein von
Lebendigkeit zu geben oder gar sie frei zu gestalten. Selbst die freie
Erfindung der nackten Tatsachen seines Lebens hätte meine Kraft
weit überstiegen. Doch ich glaube, daß auch ohne diese
Erklärung die Leser dieser Geschichte darin die unverkennbaren
Zeichen des tatsächlichen Geschehens entdecken werden; und
wirklich liegt ihr ein Dokument zugrunde. Mein ganzer Anteil besteht
in meinen Kenntnissen der russischen Sprache, die für meinen
Zweck genügten. Das Dokument ist natürlich eine Art Tagebuch


-10     пред. Страница 1 из 501 след.     +10