Erinnerungen einer Überflüssigen - Lena Christ - Страница 1 из 286


Oft habe ich versucht, mir meine früheste Kindheit ins
Gedächtnis zurückzurufen, doch reicht meine Erinnerung nur
bis zu meinem fünften Lebensjahr und ist auch da schon teilweise
ausgelöscht. Mit voller Klarheit aber steht noch ein
Sonntagvormittag im Winter desselben Jahres vor mir, als ich, an
Scharlach erkrankt, auf dem Kanapee in der Wohnstube lag; es war dies
der einzige Raum, der geheizt wurde. Der Großvater war in
seinem geblumten Samtgilet, dem braunen Rock mit den silbernen
Knöpfen und dem blauen, faltigen Tuchmantel in die Kirche
vorausgegangen, während die Großmutter in dem schönen
Kleide, das bald bläulich, bald rötlich schillerte, noch vor
mir stand und mich ansah, wobei sie immer wieder das schwarze seidene
Kopftuch zurechtrückte. Neben der Tür aber stand in
Hemdsärmeln der alte Hausl und wollte eben den Sonntagsrock vom
Nagel nehmen, als sich die Großmutter umdrehte und zu ihm sagte:
»Geh, Hausl, bleib du heunt dahoam und gib aufs Kind Obacht und
tus Haus hüten; i möcht aa amal wieda in d' Kirch
geh'.« Darauf ließ der Hausl seinen Rock hängen
und zog wieder seinen blauen, gestrickten Janker an, und die
Großmutter ging zu dem Wandschränklein, das in die Mauer
eingelassen war, nahm daraus das Weihbrunnkrügl und wollte gehen.
In der Tür aber wandte sie sich noch einmal um und sagte zu mir:
»Also, daß d' schö liegn bleibst, Dirnei, i bet scho
für di, daß d' wieda g'sund wirst.« Als sie fort


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