Meine frühen Jahre - Lovis Corinth - Страница 1 из 142


aufzuschreiben, als unser Sohn Thomas zwei Jahre alt war. »Der
kleine Junge«, sagte Corinth zu mir, »ruft mir die eigene
Kindheit zurück.« Von da ab sah ich ihn am Schreibtisch.
Corinth liebte seine Heimat und vergaß sie nie. In seinem
Atelier in Berlin hing ein Erntekranz. Als wir jung verheiratet waren,
erzählte er mir, daß es der letzte Erntekranz sei, den er
von daheim habe. Er nahm ihn mit sich, als er nach München
übersiedelte, und er nahm ihn nochmals mit sich, Jahre
später, als er nach Berlin zog. Im Atelier in Berlin stand
auch eine große dunkle hölzerne Kaffeemühle. Das war
die Kaffeemühle seiner Mutter gewesen. Auch dieses Symbol vom
heimatlichen Leben hatte er stets bei allem Wechsel der Städte
mit sich genommen. Der alt-ehrwürdige Schreibtisch mit der
Roll-Lade, der dem Vater gehört hatte, der zog auch mit ihm mit.
An diesem Schreibtisch schrieb Corinth seine Erinnerungen. So gern
und soviel erzählte mir Corinth ›von zuhause‹. Er
machte mich so vertraut mit seiner Jugendzeit, daß es mir
erschien, als hätte ich ihn damals schon gekannt. Dabei lernte
ich ihn erst kennen, als er 45 Jahre alt war. Als er, wie er scherzend
sagte ›mein Herr Lehrer‹ wurde und ich sein
›Fräulein Schülerin‹. Das war zur Zeit, als er
in Berlin seine Privat-Malschule eröffnete. Nicht
genügte es ihm, mir von der Heimat zu erzählen. Er wollte
sie mir zeigen. Wir reisten, jung verheiratet, nach


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