An meinen Sohn - Matthias Claudius - Страница 1 из 5


meinen Sohn Johannes, 1799 Gold und Silber habe ich nicht;
was ich aber habe, gebe ich dir. Lieber Johannes! Die
Zeit kömmt allgemach heran, dass ich den Weg gehen muss, den man
nicht wieder kömmt. Ich kann dich nicht mitnehmen und lasse dich
in einer Welt zurück, wo guter Rat nicht überflüssig
ist. Niemand ist weise von Mutterleibe an; Zeit und Erfahrung
lehren hier und fegen die Tenne. Ich habe die Welt länger
gesehen als du. Es ist nicht alles Gold, lieber Sohn, was
glänzet, und ich habe manchen Stern vorn Himmel fallen und
manchen Stab, auf den man sich verließ, brechen sehen. Darum
will ich dir einigen Rat geben und dir sagen, was ich funden habe und
was die Zeit mich gelehret hat. Es ist nichts groß, was
nicht gut ist; und nichts wahr, was nicht bestehet. Der Mensch ist
hier nicht zu Hause, und er geht hier nicht von ungefähr in dem
schlechten Rock umher. Denn siehe nur, alle andre Dinge hier mit und
neben ihm sind und gehen dahin, ohne es zu wissen; der Mensch ist sich
bewusst und wie eine hohe bleibende Wand, an der die Schatten
vorüber gehen. Alle Dinge mit und neben ihm gehen dahin, einer
fremden Willkür und Macht unterworfen, er ist sich selbst
anvertraut und trägt sein Leben in seiner Hand. Und es ist
nicht für ihn gleichgültig, ob er rechts oder links gehe.
Lass dir nicht weismachen, dass er sich raten könne und selbst
seinen Weg wisse. Diese Welt ist für ihn zu wenig, und die


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