Briefe - Matthias Claudius - Страница 1 из 40


daß Du von mir eine Weisung über Gebet verlangst; und Du
verstehst's gewiß viel besser als ich. Du kannst so in Dir sein,
und auswendig so verstört und albern aussehen, daß der
Priester Eli, wenn er Dein Pastor Loci wäre, Dich leicht in
bösen Ruf bringen könnte. Und das sind gute Anzeichen,
Andres. Denn wenn das Wasser sich in Staubregen zersplittert, kann es
keine Mühle treiben, und wo Klang und Rumor an Tür und
Fenstern ist, passiert im Haus nicht viel. Daß einer beim
Beten die Augen verdreht etc. finde ich eben nicht nötig, und
halte es für besser, natürlich zu beten. Aber man muß
einen deshalb nicht verlästern, wenn er nicht heuchelt; doch wenn
einer groß und breit beim Gebet tut, darüber muß man
lästern, scheint mir - es ist nicht auszustehen. Man darf Mut und
Zuversicht haben, aber nicht eingebildet und selbstklug sein; denn
weiß einer sich selbst zu raten und zu helfen, so ist es ja das
kürzeste, daß er sich selbst hilft. Das Händefalten
ist eine feine äußerliche Zucht und sieht so aus, als wenn
sich einer auf Gnade und Ungnade ergibt und die Waffen streckt etc..
Aber das innerliche heimliche Hinhängen, Wellenschlagen und
Wünschen des Herzens, das ist nach meiner Meinung beim Gebet die
Hauptsache, und darum kann ich nicht begreifen, was die Leute meinen,
die nichts vom Beten wissen wollen. Das ist doch so, als wollten sie
sagen, man solle nichts wünschen oder man solle keinen Bart und


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