Am Tisch der Ungespundeten - Michael Georg Conrad - Страница 1 из 2


Am Tisch der Ungespundeten im Klosterbräu. »Der
Militarismus ist unser Fluch. Er vernichtet die materielle, geistige
und sittliche Kraft des Volkes.« »Das ewige
Deklamationsthema«, dachte der Umfallpolitiker, den der Zufall
heute zum Gast dieser derben Tafelrunde gemacht. Er
unterdrückte mühsam das Gähnen. Was lag ihm am
Gejammer der Leute vom Militarismus! Seine Söhne machten einst
gewiß brillante Karriere. Donnerwetter, sein Leutnant und sein
Einjähriger, die konnten sich sehen lassen. Teuer, ja,
unbändig teuer, aber wenn man sich's leisten kann? Die
erregten Wechselreden nahmen ihren Fortgang. »Der
Militarismus, meine Herren, ist auch eine der Hauptursachen der
Entvölkerung des offenen Landes und der Überfüllung der
Städte mit arbeitslosem Proletariat.« »Sehr
richtig. Aber schlimmer noch ist der geistige und moralische Schaden.
Es ist nicht nur die Kasernierung und der Drill der Leiber, sondern
auch die Kasernierung und der Drill der Geister, der sittlichen
Fähigkeiten, was diesen modernen Militarismus so
verhängnisvoll macht. Die intellektuelle Selbständigkeit des
Individuums wird in diesem buntuniformierten Orden auf ein Minimum
herabgedrückt. Es ist eine systematische Herabzüchtung zum
Herdentier, eine brutale Verneinung des freien, edlen
Menschentums.« »Abwarten. Womit man sündigt,
damit wird man bestraft. Der Militarismus untergräbt gerade das,


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