Die bayrische Königstragödie im Bürgerhause - Michael Georg Conrad - Страница 1 из 15


im Bürgerhause (1886) Die Abendmahlzeit war still beendet
worden; der große eichene Tisch wurde abgeräumt, das
Fenster mit den Butzenscheiben im Erker der altdeutschen Speisestube
geöffnet, damit erfrischende Luft hereinströme und das
Gemach vom letzten Dunst der Speisen reinige. An der dunkeln
getäfelten Decke zuckten die Flammen des Lüsterweibchens.
Draußen rauschte die Isar und der Regen strömte wie eine
Sündflut hernieder, klatschte auf die wildwogenden Gebirgswasser
und erfüllte die Straße mit grauen Pfützen. Von der
Mariahilfkirche in der Au klangen die Abendglocken herüber, so
verweint, so tieftraurig wie ein grauzerwühltes Chopin'sches
Notturno... Schweigend hatte sich die Familie mit den Gästen
aus der Provinz, dem fränkischen Deputierten, einem alten Freund
des Hauses, dem Schwiegersohne, einem Nürnberger Fabrikanten, dem
jugendlichen Reallehrer, einem hoffnungsvollen Verehrer der einzigen
Tochter des Hauses, der schönen, blonden, achtzehnjährigen
Elsa, ihres Zeichens Musikschülerin – in den Salon
zurückgezogen, den nur eine schwere Draperie von der altdeutschen
Speisestube trennte. Bloß der Großvater, jetzt noch eine
hohe, rüstige Gestalt, einst betriebsamer Bierbrauer von
außerordentlicher Geschäftstüchtigkeit, war in der
Speisestube zurückgeblieben, um in seinem ledergepolsterten
Armstuhle sein gewohntes Dämmerstündchen zu verträumen.
Sein Sohn, der Herr dieses behaglichen Heims und Direktor eines


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