Münchner Frühlingswunder - Michael Georg Conrad - Страница 1 из 12


(1895) Nein, es hat wirklich keinen Sinn, dem guten alten lustigen
München unangenehme Dinge zu sagen. Es hat auch keinen Zweck.
Es ist gar nichts damit ausgerichtet, gegen die gute Lebensart zu
verstoßen und sich unverbindlich zu geben, wenn man von
München spricht. Von diesem großen, urbajuwarischen Dorf,
das die wertvollsten Kunst- und Kulturschätze aller Zeitalter und
Weltgegenden in sich aufstapeln, die heißblütigsten
Fortschrittskämpfe und die widerborstigsten Ideen in sich toben,
die mächtigsten und raffiniertesten Schöngeister in sich
sinnieren und schaffen läßt, ohne einen Tropfen von seinem
braunen Gebräu weniger zu verzapfen, ohne eine Kalbshaxe mit
geringerem Appetit zu verspeisen, ohne die hehre Ruhe und den bald
barocken, bald derbnaturalistischen Humor Philisterias zu verlieren
und in gemächlichem blinden Triebe nie versagender Energie
dennoch ein Stückchen moderner Großstadt ums andere
»mit allem Komfort der Neuzeit« bei sich anzupflanzen.
Von allem Alten hat sich München neben nichtigem
Kulturtrödel die kostbarsten und charakteristischsten
Lebensstücke bewahrt, von allem Neuen läßt es sich
schenken, und in seinen besten Stunden bringt es aus Altem und Neuem
Eigenartiges hervor, Reiz für das Auge, Erquickung für das
Gemüt, Sporn und Fund für den Forscher. Wo findet sich
etwas im Militärstaat wie Münchner Kunstleben? Es ist
wie Frühlingswunder, aber nicht im zerfließenden, lyrischen


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