Majestät - Michael Georg Conrad - Страница 1 из 438


Königsroman Der König hatte sich seit Tagen nicht
mehr vom Bett erhoben. Er war krank von der Reise heimgekommen.
Wer sein Wesen kannte, wußte, daß es ein Schlimmes sein
mußte, das ihn danieder hielt. Ganz fein empfindende Zuschauer,
mit sicherer Witterung in tiefen Seelengründen –
gewöhnlich gibt's die nicht unter den Hofleuten –
hätten deutliche Zeichen gehabt, daß seit langem nur noch
Lebensschein vorhanden, Nachglanz eines verflackerten Lichts. Nun
lag der König wirklich im Sterben. Selbst die stumpfesten
Oberflächenmenschen begannen es zu merken, daß es wie
Sensenschwingen unheimlich über dem Bette des Königs
leuchte. Eigentlich hatte es nichts von einem Kampf, nichts von
heroischem Ringen um den letzten Rest eines Königslebens. Auf
keiner Seite stand ein Held. Der herrische Tod hatte es nicht auf ein
großes Kampfspiel mit diesem schlichten, geduldigen König
angelegt. Ein geringer Leib, ohne heftige Lebensinstinkte, ohne starke
Säfte und Triebe – ein verarmtes Blut. Eine
tückisch schleichende Krankheit, die schon früh eingesetzt,
diskret, mit einer gewissen höfischen Verbindlichkeit in der
Verschleierung der mörderischen Absicht. Das waren die Partner.
Die Seele des Königs wußte wenig dreinzureden. Sie war
von je zur Friedfertigkeit gestimmt und nicht auf Gewaltsamkeiten
eingeübt. Sie war allerwege für konstitutionelle Ordnung und
gestattete sich keine persönlichen Übergriffe. Was sie


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