Die Judenbuche - Annette von Droste-Hülshoff - Страница 1 из 71


Sittengemälde aus dem gebirgichten Westfalen Wo ist die Hand
so zart, daß ohne Irren
Sie sondern mag beschränkten Hirnes Wirren,
So fest, daß ohne Zittern sie den Stein
Mag schleudern auf ein arm verkümmert Sein?
Wer wagt es, eitlen Blutes Drang zu messen,
Zu wägen jedes Wort, das unvergessen
In junge Brust die zähen Wurzeln trieb,
Des Vorurteils geheimen Seelendieb?
Du Glücklicher, geboren und gehegt
Im lichten Raum, von frommer Hand gepflegt,
Leg hin die Waagschal, nimmer dir erlaubt!
Laß ruhn den Stein – er trifft dein eignes Haupt!
Friedrich Mergel, geboren 1738, war der einzige Sohn eines
sogenannten Halbmeiers oder Grundeigentümers geringerer Klasse im
Dorfe B., das, so schlecht gebaut und rauchig es sein mag, doch das
Auge jedes Reisenden fesselt durch die überaus malerische
Schönheit seiner Lage in der grünen Waldschlucht eines
bedeutenden und geschichtlich merkwürdigen Gebirges. Das
Ländchen, dem es angehörte, war damals einer jener
abgeschlossenen Erdwinkel ohne Fabriken und Handel, ohne
Heerstraßen, wo noch ein fremdes Gesicht Aufsehen erregte und
eine Reise von dreißig Meilen selbst den Vornehmeren zum Ulysses
seiner Gegend machte – kurz, ein Fleck, wie es deren sonst so
viele in Deutschland gab, mit all den Mängeln und Tugenden, all
der Originalität und Beschränktheit, wie sie nur in solchen


-10     пред. Страница 1 из 71 след.     +10