sonstige Gedichte - Annette von Droste-Hülshoff - Страница 1 из 124


Als der Herr in Südons Land gekommen,
Naht ein kananäisch Weiblein sich.
»Herr!« spricht sie in Demut und in Frommen,
»Herr! erbarme meiner Tochter dich!
Sieh, sie liegt daheim in großen Peinen,
Denn es wohnt in ihr ein böser Geist.«
Und voll Trauer hebt sie an zu weinen,
Als der Herr sie strenge von sich weist. Doch sie
schaut in seiner Augen Prachten,
Und ihr treues Herz bleibt ungeschreckt,
Einem Hündlein gleich will sie sich achten,
Das die Krümlein von der Erde leckt,
Ihre Demut hat sich durchgerungen:
»Weib, dein Glaub' hat dir geholfen«, spricht
Jesu süße Stimme, und bezwungen
Weicht der finstre Geist dem Gnadenlicht. Kann nur
Demut uns den Segen bringen,
Und ich schnöder Wurm der Sterblichkeit
Meine noch, es müsse mir gelingen,
Da ich doch von Demut noch so weit?
Hab' ich nur ein kleines Leid getragen,
Einen Heller meiner großen Schuld,
Fühl' ich gleich ein leises Wohlbehagen
Über meine Stärke und Geduld. Seele mein,
hast du denn ganz vergessen
Deiner Sünden, dunkler wie die Nacht,
Hast den Quell im Sande stolz gemessen
Und der weiten Wüste nicht gedacht?
Ach wie täuschte dich die Eigenliebe
Über dein Beginnen sonder Treu',
Eine Mücke fängst du auf dem Siebe,


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