Diderots Versuch über die Malerei - Denis Diderot - Страница 1 из 68


Übersetzt und mit Anmerkungen begleitet
von
Johann Wolfgang von Goethe
Geständnis des Übersetzers Woher kommt es wohl,
daß man, obgleich dringend aufgefordert, sich doch so ungern
entschließt, über eine Materie, die uns geläufig ist,
eine zusammenhangende Abhandlung zu schreiben? eine Vorlesung zu
entwerfen? Man hat alles wohl überlegt, den Stoff sich
vergegenwärtigt, ihn so gut man nur konnte, geordnet, man hat
sich aus allen Zerstreuungen zurückgezogen, man nimmt die Feder
in die Hand, und noch zaudert man, anzufangen. In demselbigen
Augenblicke tritt ein Freund, vielleicht ein Fremder, unerwartet
herein, wir glauben uns gestört, und von unserm Gegenstande
hinweggeführt; aber, unvermutet lenkt sich das Gespräch auf
denselben, der Ankömmling läßt entweder gleiche
Gesinnungen merken, oder er drückt das Gegenteil unserer
Überzeugung aus, vielleicht trägt er etwas nur halb und
unvollständig vor, das wir besser zu übersehen glauben, oder
erhöht unsere eigne Vorstellung, unser eignes Gefühl, durch
tiefere Einsicht, durch Leidenschaft für die Sache. Schnell sind
alle Stockungen gehoben, wir lassen uns lebhaft ein, wir vernehmen,
wir erwidern. Bald gehen die Meinungen gleichen Schrittes, bald
durchkreuzen sie sich, das Gespräch schwankt so lange hin und
her, kehrt so lange in sich selbst zurück, bis der Kreis
durchlaufen und vollendet ist. Man scheidet endlich von einander, mit


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