Die Donau - Eduard Duller - Страница 1 из 667


Ich habe dich aufgesucht in der düsteren Einsamkeit deiner
ungeheuren Felsenklausen. In den tiefen Fluten wurzeln die senkrechten
Steinwände deiner Einsiedelei, von oben bis unten voll
Hieroglyphen, die du in hellen Mondnächten dranschriebst, jede
Sage in Bildern, die so ernst und schwermütig sind wie du selbst,
Donau, trauernde Königin! Jahrtausende pilgerst du vom
Westen zum Osten, zu lauschen, ob die verheißene Versöhnung
noch nicht beginne. In deinem Palast hängen als Trophäen
König Etzels Schwert und die Kette, womit der Muselmann dich an
Stambul fesseln wollte. Aber du zerbrachst sie, keusche Stromfee!
Nicht ewig wirst du in deinen Felskammern trauern, des
Unvermeidlichen sinnend. Schon graut dein Brautmorgen. Dein froher,
freier Bräutigam schmückt sich mit dem Geschmeide der
Nibelungen schon zum Hochzeitsfest und kündet die frohe Botschaft
dem goldenen Mainz, dem heiligen Köln! Seid ihr verbunden, du
schöne trauernde Donau und du, freier Rhein, dann ist das
Rätsel gelöst, dessen Knoten schon Karl der Große mit
dem kaiserlichen Schwert zerhauen wollte, worüber der Rotbart
noch heute im Untersberg sinnt, wartend, bis die große Schlacht
auf dem Walserfeld geschlagen werde. Nicht Blut löst das
Rätsel, sühnt das Menschengeschlecht – die Wahrheit
wird's und die Liebe. Das Schiff, das die Waren des Kaufmanns von der
Nordsee ins Schwarze Meer bringt – es setzt sie in Gedanken um;


-10     пред. Страница 1 из 667 след.     +10