Julian der Abtrünnige - Felix (Ludwig Julius) Dahn - Страница 1 из 811


»Wenn es, wie die Gelehrten sagen,

vier Tugenden gibt: Mäßigkeit, Weisheit,
Gerechtigkeit und Tapferkeit, so hat Julianus
sie alle geübt.« Ammianus Marcellinus
(Augenzeuge), XXV. 4. Erstes Buch / Die Jugend
Erstes Kapitel In den
Vorgemächern des Kaiserpalastes zu Nikomedia in der Provinz
Pontus in Kleinasien drängte sich in später Stunde einer
Frühlingsnacht – es war der zweiundzwanzigste Mai des
Jahres dreihundertsiebenunddreißig nach Christi Geburt –
bei dem trüben Licht duftender Öllampen eine gespannte,
teils bange, teils hoffnungsgierige Schar: Bischöfe, Feldherren,
Staatsmänner, Höflinge. Manchmal traten Ärzte,
Freigelassene, Sklaven aus dem durch mehrfache Vorhänge
abgetrennten Innenraum, hastigen Fragen selten Beachtung, seltener
Antwort gebend, aus dem Palast eilend mit allerlei Aufträgen,
unerhörte Arzneimittel zu holen, zu bereiten. »Es
geht rasch zu Ende«, flüsterte, nach der Ausgangstüre
laufend, einer der Heilkünstler. »Nahm er die Taufe?«
forschte ein Bischof. Aber jener war schon vor der Türe.
Gleich darauf aus dem Krankenzimmer schrilles Geschrei: aber nicht der
Trauer, nicht Totenklage. »Tot ist der Imperator, der
große Constantinus. Heil, Heil und Sieg dem neuen Imperator,
Constantius, dem Herrn der Erde.« Bei dem Rufe warfen sich alle


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