Meine welschen Ahnen - Felix (Ludwig Julius) Dahn - Страница 1 из 44


Erzählungen
Vorwort. Der Vater meiner Mutter war Franzose: Monsieur le
Gay hieß er und war Kapellmeister am Hofe des Königs Jerome
zu Kassel: mit dessen Sturz verlor er seine Stellung: sonst weiß
ich nichts von ihm und gar nichts von seinen Vorfahren. Ich habe
aber oft in meinem langen Leben den Einfluß jener Tropfen
– 25 vom Hundert – romanischen, französischen –
Blutes auf meine Gedanken und Gefühle, zumal auf die Art ihrer
Äußerung, zu verspüren geglaubt. Und gar manche Nacht
hab' ich mich vor dem Einschlafen mit den Vorstellungen
beschäftigt, was wohl alles diese meine welschen Ahnen in Gallien
und anderwärts mochten erlebt, was sie an guten oder auch
schlimmen Anlagen und Neigungen seit etwa zwei Jahrtausenden auf mich
möchten vererbt haben. Schlief ich dann unter solchen Phantasien
ein, so pflanzten sie sich oft in meine Träume fort,
nicht ohne Einwirkung meiner jeweiligen geschichtlichen Forschungen
und meiner Dichtungen. Einiges von diesen Träumen über jene
Ahnen im schönen Westland und aus seiner reichen Geschichte will
ich hier erzählen. I. Im Jahre 58 vor
Christus diente in der zehnten Legion unter dem Prokonsul Cajus Julius
Cäsar in Gallien der Centurio Marcus Manlius Gaudiosus: sein
Geschlecht stammte aus den Bergen der Samniten. Als die meisten im
römischen Lager vor den Germanen Ariovists bangten – die


-10     пред. Страница 1 из 44 след.     +10