Der Mißbrauch des Todes - Hedwig Dohm - Страница 1 из 19


Impressionen von Hedwig Dohm (1917 Franz Pfemfert,
Berlin-Wilmersdorf; Die Aktion) Lieber, alter, treuester
Freund! Ich bin in Seelennot! Hilf mir! Ich verstehe ja nichts von
Politik. Ich brauche deine klare Objektivität. Deine unbeirrbare
Logik. Voll düstern Erschauerns erlebe ich diesen Weltkrieg. Ich
kann nachts nicht schlafen. Zwangsvorstellungen von Blutströmen,
die ich durchwaten muss, lassen mich nicht los, von furchtbaren
Schreien, die weißen Lippen entgellen, von Augen, die nicht
aufhören zu weinen. Meine Speisen sind mir vergiftet; die Blumen
im Zimmer ekeln mich; wie sie duften, duften! Fühllos,
zudringlich in das große Sterben hinein. Hilf mir, oder ich gehe
an Kriegspsychose zugrunde. Dir will ich all meine Gedanken sagen, dir
allein; sagte ich sie auch anderen, man würde mich steinigen;
denn ich kann die Kriegsjahrmode der prunkend-patriotischen Pathetik
nicht mitmachen. Die widersprechendsten Gefühle verbrennen mir
das Herz. Sieh, dieser Krieg hat für mich einen Januskopf. Das
eine Antlitz gleicht dem der Medusa. In Entsetzen erstarrt, wer es
schaut. Das andere Gesicht ist von hoheitsvoller Schönheit.
Im Anfang des Krieges sah ich nur das Medusenhaupt, und ich dachte:
Christus ist vergebens gestorben, sein Erlösungswerk hat er nicht
vollbracht. Wie vor Jahrtausenden herrscht noch immer die Macht der
Finsternis. Im Krieg sind die Gesetze der Menschheit aufgehoben, in
den Urzustand ist sie zurückversetzt. In einem ungeheuren Irrtum


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