Aus Mizis Memoiren - Jenny Dirnböck-Schulz - Страница 1 из 8


Die Memoiren-Literatur ist das Merkmal des papierenen Zeitalters.
Könige und Diplomaten, Künstlerinnen, Gelehrte. Maitressen,
ja Verbrecher sogar, Alles hinterläßt den Nachfahren die
interessantesten Enthüllungen über das eigene Leben. Wie
weit aber die Sucht, Memoiren zu schreiben, in jüngster Zeit
gediehen ist, wurde mir vor einigen Tagen klar, als ich unter den
Schulheften meines elfjährigen Töchterlein ein besonders
enggeschriebenes entdeckte, auf dessen Umschlag die Kleine mit ihrer
schönsten Handschrift geschrieben hatte: »Meine
Memoiren«. Und dieses Heft war nach dem Datum schon zwei Jahre
alt. Mizi hatte also ihre Memoiren mit neun Jahren begonnen. Da ich
nicht einsehe, warum immer der Nachwelt nur das Interessante dieser
Gattung vorbehalten werden soll, will ich schon der Mitwelt Einiges
daraus mittheilen. Mizi's Memoiren werden allerdings dadurch viel
an ursprünglichem Reiz verlieren, daß ich die entschiedene
Originalität der Orthographie in unsere gewöhnliche
Schreibweise übertragen, hie und da Abkürzungen vornehmen,
manches wieder durch kleine Ausführungen klarer machen
mußte. Mizi schrieb nur für sich selbst, und was einer
Neunjährigen völlig klar ist, können Erwachsene unter
Umständen ganz anders auffassen. Ich finde überhaupt,
daß Schillers Ausspruch: »Anders, begreif ich wohl, als
sonst in Menschenköpfen, malt sich in diesem Kopf die
Welt«, eigens für Mizis Memoiren erdacht zu sein scheint.


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