Der rote Vorhang - Jules Amedée Barbey d'Aurevilly - Страница 1 из 61


ein ungeschminktes Spiegelbildchen gallischen Wesens und ein Prophet
echten Franzosentums hält es mit kaltem Lächeln seinem Volke
vor. Aber aus der Einsamkeit und den geschärften Sinnen aller
Propheten heraus. Denn Jules Barbey d'Aurevilly hat mit seinen
»Diaboliques« 1874 (als welchen düsteren Teufeleien
der hier folgende »Rote Vorhang« entnommen ist) nur die
tiefen und verbissenen Einsichten in das Wesen des französischen
Menschen gestaltet, wozu ihm jahrzehntelanges Abseitsstehen vom
rauschenden Flusse des Pariser Lebens alle Muße schuf: Dieser
Sproß eines normannisehen Herrengeschlechtes war aus seiner von
Revolution und Bürgerkönigtum »entcanaillierten«
Gegenwart in das Halbdunkel seiner Einsiedelei der Rue Rousselet
gewichen. Dieser Don Quichote altfränkischen Heldentums hatte zur
Feder gegriffen, weil ihm der französische Marschallstab versagt
war. Dieser Dandy nach dem Riesenmaße der Beckford und Brummel
schleppte ein mühseliges Dasein in enger Dreizimmerwohnung
zwischen Brotsorgen und Haushaltsgekeife dahin. Seinem katholischen
Monarchismus hatte die Theaterfrömmigkeit des zweiten
Kaiserreiches ins Gesicht geschlagen und vor dem führerlosen
Durcheinander des demokratischen Frankreich sank der Herold
rücksichtslosen Willens in galligen Pessimismus zurück. Bis
zur Qual des Wüstenheiligen aber muß dem Einsamen das
düster unersättigte Liebesbedürfnis des Romanen
gediehen sein. Denn der Brassard des »Roten Vorhangs« ist


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