Blinde Liebe - Richard (Fedor Leopold) Dehmel - Страница 1 из 32


höchsten Kreisen Wie soll ich diese rührende Geschichte
bloß erzählen, daß meine zarte Leserin sich nicht die
Augen ausweint über die Leiden, von denen ich berichten
muß! Es dürfte in der Tat das beste sein, ich teile gleich
im voraus mit, daß alles ein wonniges Ende nimmt. Ich habe
also zu berichten von den Ängsten, mit denen ein König und
seine Königin sehr viele Jahre lang durch eine böse Fee
geplagt wurden, und das aus keinem besseren Grunde, als weil der
König seiner hehren Frau Gemahlin unentwegt ergeben war.
Ammibauba, so hieß der edle König, verehrte seine Frau
Gemahlin so pflichtbewußt, daß er die Schönheit
anderer Frauen nur wie durch einen dicken Schleier sah. Nie, seit sie
auf dem Throne saß, hatte er sich einfallen lassen, einmal ein
Paar verbotene Augen ein wenig näher zu betrachten, geschweige
von verbotener Lippen Süßigkeit zu kosten. So liebten sie
sich tadellos jahraus, jahrein und waren sehr zufrieden mit dem Leben.
Nur eines machte ihnen manchmal Kummer: ihre Liebe wurde immer reifer,
aber sie wollte durchaus kein Früchtlein tragen. Vergebens wurde
die Staatswiege in jeder Silvesternacht frisch vergoldet. Da,
eines Tages um die Pfingstzeit, erschien besagte Fee bei Hofe. Sie
wurde, wie sie das gewohnt war, mit großen Ehren aufgenommen,
sie konnte nämlich mächtig zaubern, und ihre Schönheit
war noch mächtigen Wenn sie ihr wildes schwarzes Lockenhaar
schüttelte, dann konnte keiner sie betrachten ohne Gefahr


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