Russische Literaturgeschichte in Einzelporträts - Alexander Eliasberg - Страница 1 из 275


(1224-1480) schmachtete Rußland unter dem Tatarenjoch.
Während in Deutschland die Dichtung der Minnesänger in
höchster Blüte stand und die ersten Humanisten wirkten,
während Italien seinen Dante und England seinen Chaucer hatte,
waren alle Russen, Volk und Fürsten, Sklaven wilder
Mongolenhorden. Die Tataren ließen die besiegten Russen, wie
eine Chronik meldet, sich auf der Erde ausstrecken, legten Bretter auf
sie, setzten sich drauf und zechten. Unter diesen Brettern war
natürlich nicht nur das geistige, sondern jedes Leben
überhaupt erstickt. Daß aber im Russenvolke wundersame
geistige Kräfte schlummerten, beweisen die alten Bylinen
(Heldengesänge), die sich durch mündliche Überlieferung
bis ins 19. Jahrhundert erhalten haben, und die wohl im 13.
Jahrhundert entstandene ergreifende Mär von Igors
Heerfahrt. Nach der Befreiung vom Tatarenjoche, dessen Nachwirkungen
sich bis in die Gegenwart erstrecken, konnte sich das Land lange nicht
erholen, zumal es dauernd von inneren Kriegen zwischen den einzelnen
Stämmen und Gauen zerrissen und von äußeren Feinden
bedrängt wurde. Unter schweren Wehen wurden die russischen Lande
unter Moskaus Zepter ›gesammelt‹. Dieser Prozeß
der Vereinigung zum ›Russischen Reich‹ fand unter Iwan
dem Schrecklichen (1534-1584) seinen Abschluß. Die auf den Tod
von Iwans Sohn Fjodor (1598) folgenden Jahre des falschen Demetrius,
des Interregnums und der Poleninvasion waren nicht weniger schauerlich


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