Freiheit, die ich meine - Emil Ertl - Страница 1 из 865


Sturmjahr 1925 Unter der
schattenden Esche, die ihre Äste und Zweige wagrecht über
das Lattendach der Laube breitete, saßen zwei frische,
hübsche Knaben einander gegenüber, jeder sein
»Namenbüchlein« in der Hand, wie man damals die
Kinderfibeln oder Abcbücher für den Elementarunterricht
nannte. Ein schwüler Spätfrühlingsnachmittag
brütete über dem großen, stillen Garten. Aufrecht
auf seinem Sessel, ohne sich anzulehnen, mit dem festen Vorsatz, die
natürliche Trägheit zu überwinden, hielt Poldi die
Augen streng auf die großen Lettern seines Buches gelichtet.
Wenn er sich einen Satz recht eingeprägt hatte, deckte er die
Hand darüber und versuchte es, ihn nachzusprechen. Es kostete ihn
Mühe. Im Buchstabieren nahm er es mit jedem auf, aber
Auswendiglernen war seine Stärke nicht. Leichter wär' es
noch gegangen, hätt' er die Worte laut vor sich hinsagen
können. Um aber den Bruder nicht zu stören, bewegte er nur
stumm die Lippen: »Gottlieb und Emilie wurden in ihrer Jugend
von ihrem Vater daran gewöhnt, früh aufzustehen
... « Ein schwerer Seufzer, der von der andern Seite
des Tisches kam, machte ihn aufblicken. Dort saß Fred auf der
Bank, oder lag vielmehr in die Ecke hineingelehnt, zerstreut,
unlustig, schwer unter der Hitze leidend, immer in Bewegung,
verdrossen hin- und herwetzend oder seine dicke blonde Mähne
ungeduldig mit der Hand aus den Schläfen streichend. Er hatte


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