Im Haus zum Seidenbaum - Emil Ertl - Страница 1 из 457


Roman, der in unsern Tagen spielt, vielleicht etwas biedermeierisch
anmutet, so mag er doch dadurch gerechtfertigt erscheinen, daß
in den Menschen, von denen ich erzähle, noch heute ein Stück
Überlieferung aus der »guten alten Zeit« steckt. Die
Seidenweber vom Wiener »Schottenfeld« blicken auf eine
Entwicklung von gut anderthalbhundert Jahren zurück, und wenn
inzwischen auch längst größere oder ganzgroße
Fabriksherren aus ihnen geworden sind, so hausen doch ihrer manche
noch heute in den alten Häusern, von denen das Gewerbe einst
seinen Ausgang genommen hat, und das eine oder andere von ihnen
trägt noch heute, wenn schon nicht amtlich, so doch im Volksmund,
seinen alten Hausnamen. Noch heute steht irgendwo in jener
Vorstadtgegend, in einem hinter Hausmauern vergrabenen Gartenwinkel,
jener stattlich gewachsene »Seidenbaum«, der dem
Geschäftshaus der Firma Hocheder und der vorliegenden
Erzählung den Namen gegeben hat, und schmückt sich
alljährlich mit frischem Grün und zahlreichen kleinen,
feinen weißen Blütensternen. Denn er ist kein lebloser,
glattgescheuerter Webebaum, wie der Weber Schinnerl eine Zeitlang
glaubte, sondern ein wirklicher und lebendiger Baum, ein weißer
Maulbeerbaum nämlich, Morus alba, aus der den Seidenraupen
vortrefflich mundenden Gattung der Moraceen. Er ist so alt,
daß er die Zeit noch miterlebt hat, wo die kleinen Meister am
Handwebstuhl sitzend eigenhändig die Weberlade regierten und der


-10     пред. Страница 1 из 457 след.     +10