Vielliebchen - Ernst Eckstein - Страница 1 из 37


Septembersonne. Ein sechzehnjähriger Knabe, das kluge
hübsche Gesicht leuchtend vor Übermut und quellender
Jugendlust, schritt nach der Geißblattlaube, wo ein schlankes,
wunderschönes zwanzigjähriges Mädchen auf der
hellgrün gestrichenen Bank saß und ein Buch in der Hand
hielt. »Störe ich?« fragte er eintretend.
Die junge Dame sah auf. »Ach, du bist's, Feodor?«
»Ja, ich, Tante Marie! Erwartest du sonst wen?«
»Das nicht,« versetzte Marie Sanders. »Aber ich
dachte, du hättest noch Schularbeiten...« »Das
eilt nicht, Tante. Erst kommt das Wichtigere. Ich lauere nämlich
seit ein Paar Tagen schon auf eine gute Gelegenheit, dich einmal ganz
unter vier Augen zu sprechen.« »So? Das klingt ja
beinahe feierlich.« »Es ist auch feierlich. Aber
dabei auch ein bißchen komisch. Vielleicht lachst du mich
aus.« »Du machst mich neugierig. Setz dich da einmal
her und sprich frei von der Leber weg!« »Tante, ich
muß dir etwas Merkwürdiges mitteilen. Unser Professor ist
sterblich in dich verliebt.« Das schöne blonde
Mädchen errötete. »Unsinn! Wie kommst du
darauf?« »O, das ahnt mir schon seit geraumer
Zeit. Neulich jedoch ist mir die Sache zur vollen Gewißheit
geworden. Und, bei Lichte besehen, ist es ja doch wohl gerade kein
Wunder. Ich bin zwar der Sohn deiner Schwester, aber ich muß dir
trotzdem das ehrliche Kompliment machen: Du bist das reizendste,


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