Iphigenie in Aulis - Euripides - Страница 1 из 85


Schiller.Diese Tragödie ist vielleicht nicht die tadelfreieste
des Euripides, weder im Ganzen, noch in ihren Theilen. Agamemnons
Charakter ist nicht fest gezeichnet und durch ein zweideutiges
Schwanken zwischen Unmensch und Mensch, Ehrenmann und Betrüger,
nicht wohl fähig, unser Mitleiden zu erregen. Auch bei dem
Charakter des Achilles bleibt man zweifelhaft, ob man ihn tadeln oder
bewundern soll. Nicht zwar, weil er neben dem Racineschen Achilles zu
ungalant, zu unempfindsam erscheint; der französische Achilles
ist der Liebhaber Iphigeniens, was jener nicht ist und nicht sein
soll; diese kleine, eigennützige Leidenschaft würde sich mit
dem hohen Ernst und dem wichtigen Interesse des griechischen
Stücks nicht vertragen. Hätte sich Achilles wirklich
überzeugt, daß Griechenlands Wohl dieses Opfer erheische,
so möchte er sie immer bewundern, beklagen und sterben lassen. Er
ist ein Grieche und selbst ein großer Mensch, der dieses
Schicksal eher beneidet, als fürchtet; aber Euripides nimmt ihm
selbst diese Entschuldigung, indem er ihm Verachtung des Orakels,
wenigstens Zweifel in den Priester, der es verkündigt hat, in den
Mund legt – man sehe die dritte Scene des vierten Akts –
und selbst sein Anerbieten, Iphigenien mit Gewalt zu erretten, beweist
seine Geringschätzung des Orakels; denn wie könnte er sich
gegen Das auflehnen, was ihm heilig ist? Wenn aber das Heilige
wegfällt, so kann er in ihr nichts mehr sehen, als ein Opfer der


-10     пред. Страница 1 из 85 след.     +10