Die Geschichte meines Lebens - Georg Ebers - Страница 1 из 563


In Berlin bin ich geboren und doch auf dem Lande. Es ist
freilich neunundfünfzig Jahre her; denn es geschah am 1.
März 1837, und damals gehörte zu dem Anwesen,
Tiergartenstraße Nr. 4. auf dem ich die ersten Kindheitsjahre
verschlief und verspielte, außer Feld und Wiese, Obstgarten und
dichtem Buschwerk auch ein kleiner Berg und Teich. Im Pferdestalle
standen die drei großen Rappen der Wirtin an der Krippe, und das
Gebrüll einer Kuh, das den Berliner Kindern sonst lange fremd
bleibt, mischte sich in meine frühesten Erinnerungen. Die
Tiergartenstraße, auf der sich schon damals an sonnigen Mittagen
eine Menge von Spaziergängern zu Fuß, im Wagen und hoch zu
Roß auf und nieder bewegte, begrenzte dies umfangreiche
Grundstück an der Vorderseite; nach hinten aber fand es den
Abschluß durch ein Wasser, das damals »der
Schafgraben« hieß und trotz des Entenlaiches, der es mit
dunkelgrünen Pflanzengeweben bedeckte, zu Gondelfahrten auf
leichten Booten benutzt wurde. Heute faßt ein
sorgfältig gefügtes Gemäuer die Ufer dieses Grabens
ein; er selbst aber verwandelte sich in den wasserreichen Kanal, an
dem sich die stattliche Häuserreihe der Königin-
Augusta-Straße hinzieht, und den zahlreiche schwerbeladene
Lastschiffe – »Zillen« nennt sie der Berliner
– befahren. Auf dem Grundstücke, das der Schauplatz
meiner Kindheit war, steht schon lange die Matthäikirche, die


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