Das Marmorbild - Joseph von Eichendorff - Страница 1 из 56


Erzählung (1819) Es war ein schöner Sommerabend, als
Florio, ein junger Edelmann, langsam auf die Tore von Lucca zuritt,
sich erfreuend an dem feinen Dufte, der über der
wunderschönen Landschaft und den Türmen und Dächern der
Stadt vor ihm zitterte, sowie an den bunten Zügen zierlicher
Damen und Herren, welche sich zu beiden Seiten der Straße unter
den hohen Kastanienalleen fröhlich schwärmend ergingen. Da
gesellte sich, auf zierlichem Zelter desselben Weges ziehend, ein
anderer Reiter in bunter Tracht, eine goldene Kette um den Hals und
ein samtnes Barett mit Federn über den dunkelbraunen Locken,
freundlich grüßend zu ihm. Beide hatten, so nebeneinander
in den dunkelnden Abend hineinreitend, gar bald ein Gespräch
angeknüpft, und dem jungen Florio dünkte die schlanke
Gestalt des Fremden, sein frisches, keckes Wesen, ja selbst seine
fröhliche Stimme so überaus anmutig, daß er gar nicht
von demselben wegsehen konnte. «Welches Geschäft führt
Euch nach Lucca?» fragte endlich der Fremde. «Ich habe
eigentlich gar keine Geschäfte», antwortete Florio ein
wenig schüchtern. «Gar keine Geschäfte? – Nun,
so seid Ihr sicherlich ein Poet!» versetzte jener lustig
lachend. «Das wohl eben nicht», erwiderte Florio und wurde
über und über rot. «Ich liebe mich wohl zuweilen in
der fröhlichen Sangeskunst versucht, aber wenn ich dann wieder
die alten großen Meister las, wie da alles wirklich da ist und


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