Dichter und ihre Gesellen - Joseph von Eichendorff - Страница 1 из 336


Abendsonne wurde auf der grünen Höhe ein junger Ritter
sichtbar, der zwischen dem Jauchzen der Hirten und heimkehrenden
Spaziergänger fröhlich nach dem freundlichen Städtchen
hinabritt, das wie in einem Blütenmeere im Grunde lag. Er
sann lange nach, was ihn hier mit so altbekannten Augen ansah, und
sang immerfort ein längst verklungenes Lied leise in sich hinein,
ohne zu wissen, woher der Nachhall kam. Da fiel es ihm plötzlich
aufs Herz: wie in Heidelberg lagen die Häuser da unten zwischen
den Gärten und Felsen und Abendlichtern, wie in Heidelberg
rauschte der Strom aus dem Grunde und der Wald von allen Höhen!
So war er als Student manchen lauen Abend sommermüde von den
Bergen heimgekehrt und hatte über die Feuersäule, die das
Abendrot über den Neckar warf, in die duftige Talferne gleichwie
in sein künftiges, noch ungewisses Leben hinausgeschaut.
»Mein Gott«, rief er endlich, »da in dem
Städtchen unten muß ja Walter wohnen, mein treuer
Heidelberger Kamerad, mit dem ich manchen stillen, fröhlichen
Abend auf den Bergen verlebt! Was muß der wackere Gesell nicht
alles schon wissen, wenn er fortfuhr, so fleißig zu sein wie
damals!« – Er gab ungeduldig seinem Pferde die Sporen und
hatte bald das dunkle Tor der Stadt erreicht. Walters Wohnung war in
dem kleinen Orte leicht erfragt: ein buntes, freundliches
Häuschen am Markte, mit hohen Linden vor den Fenstern, in denen
unzählige Sperlinge beim letzten Abendschimmer einen gewaltigen


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