Die Entführung - Joseph von Eichendorff - Страница 1 из 52


Erzählung (1839) Der Abend senkte sich schon über der
fruchtbaren Landschaft, welche die Loire durchströmt, als ein
junger Mann, jagdmüde und mit der Büchse über dem
Rücken aus dem Walde tretend, unerwartet zwischen den grünen
Bergen in der schönsten Einsamkeit ein altes Schloß
erblickte. Er konnte durch die Wipfel nur erst Dach und Türme
sehen, von Efeu überwachsen, mit geschlossenen Fenstern, halb wie
im Schlafe. Neugierig drang er durch das verworrene Gebüsch die
Anhöhe hinan, es schien der ehemalige Schloßgarten zu sein,
denn künstliche Hecken durchschnitten oben den Platz, weiterhin
schimmerte noch eine weiße Statue durch die Zweige, aber rings
aus den Tälern ging der Frühling, mit Waldblumen funkelnd,
lustig über die gezirkelten Beete und Gänge, alles
prächtig verwildernd. Jetzt, um eine Hecke biegend, sah er
auf einmal das ganze Schloß vor sich, mitten im Grün, als
wollts in alle Fenster steigen; auf der steinernen Rampe vor der
Saaltür, vom Abendrot beschienen, saßen eine ältliche
Dame und eine schlanke Mädchengestalt am Stickrahmen, ein zahmes
Reh graste neben ihnen in der schönen Wildnis, alle drei den
Ankommenden erstaunt betrachtend. Dieser stutzte überrascht,
aber schnell entschlossen näherte er sich den Frauen und
entschuldigte mit vielem Anstand seinen unwillkürlichen
Überfall; er kenne hier die Waldgrenzen noch zu wenig, so sei er
in dies fremde Revier geraten und lege nun als Wildschütz sein


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