Eine Meerfahrt - Joseph von Eichendorff - Страница 1 из 86


war im Jahre 1540, als das valenzische Schiff »Fortuna«
die Linie passierte und nun in den Atlantischen Ozean hinausstach, der
damals noch einem fabelhaften Wunderreiche glich, hinter dem Columbus
kaum erst die blauen Bergesspitzen einer neuen Welt gezogen hatte. Das
Schiff hatte eben nicht das beste Aussehen, der Wind pfiff wie zum
Spott durch die Löcher in den Segeln, aber die Mannschaft,
lumpig, tapfer und allezeit vergnügt, fragte wenig darnach, sie
fuhren immerzu und wollten mit Gewalt neue Länder entdecken. Nur
der Schiffshauptmann Alvarez stand heute nachdenklich an den Mast
gelehnt, denn eine rasche Strömung trieb sie unaufhaltsam ins
Ungewisse von Amerika ab, wohin er wollte. Von der Spitze des Verdecks
aber schaute der fröhliche Don Antonio tief aufatmend in das
fremde Meer hinaus, ein armer Student aus Salamanca, der von der
Schule neugierig mitgefahren war, um die Welt zu sehen. Dabei hatte er
heimlich noch die Absicht und Hoffnung, von seinem Oheim Don Diego
Kunde zu erhalten, der vor vielen Jahren auf einer Seereise
verschollen war und von dessen Schönheit und Tapferkeit er als
Kind so viel erzählen gehört, daß es noch immer wie
ein Märchen in seiner Seele nachhallte. – Ein frischer Wind
griff unterdessen rüstig in die geflickten Segel, die
künstlich geschnitzte bunte Glücksgöttin am Vorderteil
des Schiffes glitt heiter über die Wogen, den wandelbaren
Tanzboden Fortunas. Und so segelten die kühnen Gesellen wohlgemut


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