Libertas und ihre Freier - Joseph von Eichendorff - Страница 1 из 45


Märchen Es war einmal ein Schloß in Deutschland mit
dicken Pfeilern, Bogentor und Türmchen, von denen Wind und Regen
schon manchen Schnörkel abgebissen hatten. Das Schloß lag
mitten im Walde und war sehr verrufen in der ganzen Gegend, denn man
wußte nicht, wer eigentlich darin wohnte. Jemand konnte es nicht
sein, sonst hätte man ihn doch manchmal am Fenster erblicken
müssen; und niemand auch nicht, denn in dem Schlosse hörte
man bei Tag und Nacht beständig ein entsetzliches Rumoren,
Seufzen, Stöhnen und Zischen, als würde drin die Welt von
neuem erschaffen; ja des Nachts fuhr bald da, bald dort ein
Feuerschein aus einem der langen Schornsteine oder Fenster heraus, als
ob gequälte Geister plötzlich ihre lechzenden Zungen
ausstreckten. Über dem Schloßportal aber bef and sich eine
überaus künstliche Uhr, die mit großem Geknarre
Stunden, Minuten und Sekunden genau angab, aber aus Versehen
rückwärts fortrückte und daher jetzt beinahe schon um
fünfzig Jahre zu spät ging; und jede Stunde spielte sie
einen sinnigen Verein gebildeter Arien zur Veredlung des
Menschengeschlechts, zum Beispiel: "In diesen heil'gen Hallen
Kennt man die Rache nicht –
Und Ruhe ist vor allen
Die erste Bürgerpflicht usw." Die benachbarten Hirten,
Jäger und andere gemeinen Leute aber waren das schon gewöhnt
und fragten nicht viel darnach, denn sie wußten ohnedem von der
Sonne schon besser, was es an der Zeit war, und sangen


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