Die unglükliche Hanne - Marianne Ehrmann - Страница 1 из 54


völlig wahre Geschichte) Auf der Universität L... lebte
vor mehreren Jahren ein Dienstmädchen, mit Hamlet zu sprechen,
keusch wie Eis, rein wie Schnee, und schön wie der Tag! –
Man kannte sie weit und breit nur unter dem Namen der schönen
Hanne. Alles was man ihr etwa mit Recht vorwerfen konnte, war,
daß sie sich, wie die meisten ungebildeten, aber schönen
Mädchen ein bischen zu viel auf ihr Lärvchen einbildete.
Übrigens hielt man sie für ein gutes, braves, artiges
Mädchen. Das karge Schiksal hatte sie zum Dienen bestimmt, wenn
schon ihre ziemlich gute Erziehung auf etwas Besseres Anspruch machen
durfte! – Ihr Karakter war sanft, ihre Laune munter, ihr Herz
bieder. Sie konnte sich zwar nicht, wie die übrigen feilen
Mietlinge, in jede grillenhafte Laune ihrer Gebieterinn schmiegen,
aber sie wußte zur rechten Zeit zu schweigen und zu dulden, wenn
der Hochmuth die despotische Geißel über sie schwang.
– Im Hause wurde sie geliebt, mit ihren Geschäften war man
zufrieden, um ihrer Lebensart willen zog man sie öfter in
Gesellschaft. Nur an ???vesten Grundsäzzen fehlte es ihr, an
Grundsäzzen, die sie gegen die zudringliche Schmeichelei jener
Insekten gesichert hätten, welche so ämsig der
Schönheit huldigen, indem sie die Seelenruhe morden. –
???An Grundsäzzen, die ihr im rechten Zeitpunkt in die Ohren
geflüstert hätten: Hanne, traue diesen Zukkerworten nicht,
sie gelten nicht deinem Herzen, nicht deiner unbeflekten Seele, nur


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