Bozena - Marie von Ebner-Eschenbach - Страница 1 из 281


Leopold Heißenstein war der reichste und einer der geachtetsten
Bürger des mährischen Landstädtchens Weinberg. Ob auch
einer der beliebtesten, das stand dahin und machte die geringste
seiner Sorgen aus. Witzbolde unter den Eingeborenen meinten, ein Mann
von Geist und Geschmack sei er jedenfalls, das bringe schon sein
Geschäft mit sich – das ansehnliche Weingeschäft
nämlich, das sich seit Generationen in seiner Familie forterbte,
und das er zu unerhörter Blüte gebracht hatte. Wie
Leopold der einzige Sohn seines Vaters gewesen war, so wurde auch ihm
nur ein männlicher Sprosse, aber ein prächtiger Junge
beschert, der den Ruhm des alten Hauses glorreich fortzusetzen
versprach. Ein Töchterchen, das seine Frau ihm in den
späteren Jahren der Ehe gebar, betrachtete Heißenstein als
ziemlich unwillkommene Zugabe zu seinem Glücke:
«Denn», pflegte er zu sagen, «der Sohn trägt
Geld in das Haus, die Tochter trägt Geld aus dem Haus.»
Auf eine Mitgift übrigens, wenn auch auf eine sehr
anständige, kommt es einem Manne wie Heißenstein nicht an,
und damit fertigt er dereinst das Mädchen ab. Die Existenz
dieses Kindes, dem Vater so gleichgültig, wurde für die
Mutter eine Quelle unsäglicher Freude; der letzten, welche die
kränkliche Frau auf Erden genießen sollte. Der Sohn war
ihrer Sorgfalt, sobald dies nur halbwegs anging, entzogen und nach
Wien in eine Erziehungsanstalt gebracht worden. Heißenstein,


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