Das Schädliche - Marie von Ebner-Eschenbach - Страница 1 из 87


Erzählung (1894) Lieber Freund! Wir haben eine Zeitlang
im öffentlichen Leben Seite an Seite gekämpft. Du wirst mit
den Waffen in der Hand sterben; ich habe mich vom Schlachtfeld
abgewandt. Es war Dir unlieb, aber Du ließest die Gründe,
die mich dazu bestimmten, gelten und gabst mir recht. Tue das noch
einmal, gib mir noch einmal recht. In einer ganz andern Sache.
Unlängst hörte ich eine berühmte Schauspielerin zu
einem großen Arzte sagen: «Sie müssen auch manchmal
Komödie spielen.» Er antwortete: «Ja, aber wir
spielen schlecht.» – Recht schlecht, nach den Erfahrungen,
die ich gemacht habe. Schon vor Wochen, als ich nach Wien fuhr, um
meinen Arzt zu konsultieren, las ich es ihm vom Gesicht ab: Dir ist
nicht zu helfen. Und neulich, da ich ihn wieder aufsuchte und ein
schmerzstillendes Mittel von ihm verlangte, verriet mir seine
Bereitwilligkeit, mich in die Kunst, ein Morphinist zu werden,
einzuweihen, daß er die Gefahr einer zukünftigen
Entwöhnungskur für ausgeschlossen hielt. Finita la
commedia. – Eine Komödie war's übrigens nicht. Wir
haben von meinen Verhältnissen nie gesprochen; Du weißt von
meinem Privatleben nicht mehr als alle Welt, das heißt: was
geschah; nicht, wie es geschah. Ich will Dir meine Geschichte
erzählen, ich will eine Generalbeichte ablegen. Deiner
Gerechtigkeit sicher, sehne ich mich nach Deiner Lossprechung.
  Ich bin im Jahre 1829 geboren auf unsrem Schlosse


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