Der Säger - Marie von Ebner-Eschenbach - Страница 1 из 19


Erzählung (1910) Es war am Spätherbstabend nach einer
sehr ermüdenden Treibjagd. Man saß schon lange
gemächlich im Rauchsalon beim schwarzen Kaffee; den jungen Damen
entschwand mehr und mehr die Hoffnung, daß es noch zu einem
Tänzchen kommen werde. In schleppendem Tempo drehte sich die
Unterhaltung um lauter rasche Dinge: Luftfahrzeuge, Autos, Rennpferde,
und geriet endlich – wieso, hätte niemand sagen können
– ins Gebiet des Übernatürlichen. Ahnungen,
eingetroffene Prophezeiungen kamen an die Reihe; zuletzt tauchten
sogar Gespenster auf. Die Hausfrau zwang sich, ernst dreinzusehen:
«Ach die! Von dem Glauben an die Gespenster hat mich schon meine
alte Kinderfrau geheilt. Denn, sagte sie, nackt gehen sie nicht, und
wer möchte ihnen Kleider machen?» Einige lachten,
andere meinten, das sei eben ein Kinderfrauenscherz, und damit
ließe sich «so etwas» nicht abtun. Ein langer,
dürrer Staatsbeamter mit dem Profil einer Krähe faßte
die Hausfrau, die bürgerlicher Abkunft war, scharf ins Auge und
sprach belehrend: «Gespenstische Erscheinungen sind nichts mehr
und nichts weniger als eine Tatsache. Familientraditionen uralter,
erlauchter Geschlechter verbergen sie.» Die
liebenswürdige und geistreiche Frau verstand die Belehrung und
erwiderte: «Ja, wenn ich nicht so skeptisch wäre!
Vielleicht ließe ich dann gelten, daß Familientraditionen
gute Bürgen sind. Übrigens – und das ist nun mein


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