Der gute Mond - Marie von Ebner-Eschenbach - Страница 1 из 37


Tagen haben wir ihn zur letzten Ruhestätte begleitet: Herr Franz
von Meyer, Herr Joseph von Müller und ich, Johann Ritter von
Schmidt. Ja, er ist tot, der gute Mond; nun gibt es keinen
Königrufer mehr, und sind wir reduziert auf einen Tapper. Einen
anderen Stammgast des »Blauen Raben« einzuladen, den leer
gewordenen Stuhl des Freundes zu besetzen ist uns nicht eingefallen,
so viele Prätendenten sich derohalber auch direkt und indirekt
bei uns gemeldet und so anständige Leute es auch waren, an denen
unser Städtchen überhaupt, zu seiner Ehre sei es gesagt,
keinen Mangel leidet. Der Platz, den der gute Mond durch neunzehn
Jahre allabendlich drei Stunden lang eingenommen hat, ist infolge des
hohen Alters seines Inhabers und des Ratschlusses der ewigen Vorsehung
leer geworden und soll denn leer bleiben. Was die Erinnerung an den
Verblichenen betrifft, so wird sie uns niemals entschwinden, und
werden wir die Geschichte, die er am liebsten erzählte, niemals
vergessen. Aber derweil sie noch frisch in uns lebt und seine
Ausdrucksweise uns auch noch ganz geläufig ist, habe ich, der ich
mich des besten Gedächtnisses erfreue und auch ziemlich gut in
der Feder bin, es unternommen, dieselbe aufzuschreiben. Bin mir dabei
wohl bewußt, daß die Hauptursache des Eindrucks, den die
Geschichte auf uns machte, in dem Mangel an Übereinstimmung lag
zwischen dem, was der Erzähler von sich selbst, und dem, was
seine Erzählung von ihm aussagte. Kaum wird es, soweit die


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