Die Sünderin - Marie von Ebner-Eschenbach - Страница 1 из 10


(1915) Das Schreiben, selbst an meine liebsten Menschen, ist mir
eine Qual», sagte Louise von François, und: Mir auch, mir
auch! dachte die alte Baronin, als sie den vierten Brief, den sie
heute geschrieben hatte, und jeden an einen ihr sehr lieben Menschen,
schwer seufzend schloß. Kein fauler Student sehnt sich
ungeduldiger von der Schulbank fort, als sie sich fortsehnte vom
Schreibtisch in den Garten hinaus. Es war ein Sommermorgen von
jauchzender Pracht. Ein Blick ins Freie umfaßte eine Welt von
Schönheit: Schauen war Glück und Atmen Genuß. Vom
offenen Fenster her kam in lauen Wellen die Luft hereingestrichen
über die frisch gemähten Wiesen, durch das Geäste der
Fichten, das helle Laub der Tulpenbäume, den Blätterreichtum
der Flügelnuß. Und von drüben grüßte die
Deucia, die sich aus der Ferne ausnahm wie ein großes, von
Künstlerhand gebundenes Bukett und deren einzelne Blüten in
der Nähe kleinen Damen gleichsehen in weiß und rosa
Ballkleidern. Die Baronin schob ihre erledigte Korrespondenz von
sich und wollte eben aufstehen, als die Kammerjungfer, Fräulein
Emilie, erschien. Sie war ältlich, lang und dürr, und ihre
Bewegungen hatten etwas Automatenmäßiges. An der Tür
blieb sie stehen und meldete kurz und bündig: «Die Fanka
ist da!» «So, so – die Fanka. Was fällt ihr
ein? Wer hat sie gerufen?» «Kommt von selbst. Möcht
die Arbeiten für das Armenhaus wieder haben.»


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