Die Spitzin - Marie von Ebner-Eschenbach - Страница 1 из 15


(1901) Zigeuner waren gekommen und hatten ihr Lager beim Kirchhof
außerhalb des Dorfes aufgeschlagen. Die Weiber und Kinder
trieben sich bettelnd in der Umgebung herum, die Männer
verrichteten allerlei Flickarbeit an Ketten und Kesseln und bekamen
die Erlaubnis, so lange da zu bleiben, als sie Beschäftigung
finden konnten und einen kleinen Verdienst. Diese Frist war noch
nicht um, eines Sommermorgens aber fand man die Stätte, an der
die Zigeuner gehaust hatten, leer. Sie waren fortgezogen in ihren mit
zerfetzten Plachen überdeckten, von jämmerlichen Mähren
geschleppten Leiterwagen. Von dem Aufbruch der Leute hatte niemand
etwas gehört noch gesehen; er mußte des Nachts in aller
Stille stattgefunden haben. Die Bäuerinnen zählten ihr
Geflügel, die Bauern hielten Umschau in den Scheunen und den
Ställen. Jeder meinte, die Landstreicher hätten sich etwas
von seinem Gute angeeignet und dann die Flucht ergriffen. Bald aber
zeigte sich, daß die Verdächtigen nicht nur nichts
entwendet, sondern sogar etwas dagelassen hatten. Im hohen Grase neben
der Kirchhofmauer lag ein splitternacktes Knäblein und schlief.
Es konnte kaum zwei Jahre alt sein und hatte eine sehr weiße
Haut und spärliche hellblonde Haare. Die Witwe Wagner, die es
entdeckte, als sie auf ihren Rübenacker ging, sagte gleich, das
sei ein Kind, das die Zigeuner, Gott weiß wann, Gott weiß
wo, gestohlen und jetzt weggelegt hatten, weil es elend und


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