Die Totenwacht - Marie von Ebner-Eschenbach - Страница 1 из 27


Erzählung (1894) Es war am Ende eines kleinen Dorfes im
Marchfeld, das letzte, das ärmlichste Haus. Seine niedrigen
Lehmmauern schienen jeden Augenblick aus Scham über ihre
Blöße und all ihre zutage gekommenen Gebrechen in sich
zusammensinken zu wollen. Das schiefe Strohdach bot nur noch einen
sehr mangelhaften Schutz gegen Hitze und Kälte, Sturm und Schnee.
Die Eingangstür, die des Schlosses entbehrte, war mit Stricken an
den verrosteten Angeln befestigt, klaffte von allen Seiten und hatte
längst aufgehört, eine feste Schranke zu bilden zwischen der
Straße und dem einzigen Wohnraume der Hütte. Durch eine
seiner Fensterluken drang ein schwach flackernder Lichtschein in das
Dunkel der Oktobernacht. Er ging von einer Talgkerze aus, die am
Fußende eines Sarges brannte. Der Sarg stand noch offen auf
einem Schragen mitten in der Stube, und in ihm ruhte die Leiche einer
kleinen, alten Frau. Sorgfältig angetan, mit dem Ausdruck seligen
Friedens auf dem greisen Gesichte, nahm sie sich fast zierlich aus in
ihrem letzten Bette. Ein weißes Tüchlein war um ihren Kopf
gewunden und unter dem Kinn zusammengesteckt; die grauen Haare waren
glatt gescheitelt, die Hände über der Brust gekreuzt und mit
einem Rosenkranz umwickelt. Die Wacht am Sarge hielt die Tochter
der Verstorbenen, ein nach dörflichen Begriffen altes
Mädchen. Dreißig Jahre der Entbehrung und der Arbeit wiegen
schwer; aber sie schien ihre Last nicht zu fühlen. Eine trotzige


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